Haben Männer Angst vor der Therapie?

Ja, das höre ich wirklich immer wieder: Männer haben Angst vor Therapie – und ganz besonders wenn es um Paartherapie geht! Kann ich das so stehen lassen? Immerhin sollte ich doch den Insider-Blick haben. Es kommen doch auch Männer zu mir in die Praxis. Soviel vorweg: Ja, Männer berichten mir von ihrer Angst vor der Therapie, vor der Therapeutin oder auch einfach nur vor der Situation. Und dennoch erlebe ich es täglich auch anders.
Meine Klienten entscheiden sich für eine Therapie oder Beratung, weil ihr Leidensdruck zu groß geworden ist. Die Entscheidung für eine Therapie treffen sie, weil sie mit eigenen Mitteln noch keine Lösung finden konnten; oder weil Verwandten oder Freunde ihnen empfohlen haben, diesen Weg zu gehen.
Von Angst ist dann wenig zu spüren – es herrscht eher eine neugierige Spannung.
Eine Form von Angst vor Therapie macht sich bei der Paartherapie bemerkbar. Es vermischen sich Gefühle von Scham und verletztem Stolz – oft höre ich den Satz „wir brauchen niemanden, um unser Problem zu lösen!“. Der Mann fühlt sich vielleicht unzulänglich: „Bisher haben wir es auch alleine geschafft.“ „Wird die Paartherapeutin mich schuldig sprechen und meiner Partnerin Recht geben?“ Die Schuldfrage ist besonders relevant bei Themen wie wiederkehrenden Streit, Vorwürfen und ganz besonders bei Untreue. „Was wird meine Partnerin über mich erzählen? Was, wenn wir uns am Ende trennen?“
Bei der Paartherapie sowie in der Einzelberatung spreche ich während der ersten Stunde die möglichen Befürchtungen und Vorbehalte an. Ich beschreibe meine Rolle als die einer neutralen Dritten, als eine momentane Hilfe in einer schwierigen Situation. „Was darf auf keinen Fall passieren?“ oder „Welche Befürchtungen gibt es hinsichtlich der Beratung?“
Mein Eindruck: Ja, Männer sind häufiger skeptisch, und tun sich häufiger schwer, sich einer fremden Person zu offenbaren. Und sie schämen sich, es alleine nicht zu schaffen. Männer haben oft eine andere Definition von „Problemen“ und sind mehr daran gewöhnt, ohne „Zeugen“ – also ohne sich anderen mitzuteilen, für eine Verbesserung der Situation zu sorgen.
Meine Meinung: Die Angst der Männer vor der Therapie ist nur ein Klischee. Mit diesem Klischee wird ein Männerbild bedient, das der Realität heute einfach nicht mehr entspricht.